Alfred Alexander

Alfred Alexander wurde am 22. August 1900 in Vallendar als Sohn von Josef (*21.9.1866 in Vallendar) und Sarah Alexander (geb. Cohn) geboren. Die Eltern, die in Vallendar ein Weingeschäft führten, wurden 1942 in Dachau ermordet.

Alfred Alexander war mit Selma Alexander, geb. Jonas verheiratet, der Tochter von Isidor Jonas und dessen Ehefrau Josefine, geb. Egner, aus der Schloßstraße. Das Ehepaar hatte zwei Söhne: Samuel Alexander kam am 19. Mai 1939 zur Welt, sein jüngerer Bruder Denny wurde am 27. März 1942 geboren. Die Familie wohnte in Neuwied, Rheinstraße 8.

Bereits Anfang 1937 geriet Alfred Alexander ins Visier der nationalsozialistischen Strafverfolgungsbehörden. Aus dem Eintrag in seiner Gestapoakte vom 23.3.1937 geht hervor, dass gegen ihn ein Verfahren wegen sog. „Rassenschande“ angestrengt worden war. Mangels Beweisen wurde das Verfahren eingestellt.

Eine weitere Eintragung vom 1.2.1938 weist darauf hin, dass Alfred Alexander offensichtlich keinen Hehl aus seiner Abscheu gegen Nazi-Funktionäre machte. Wegen einer beleidigenden Bemerkung („Ich muss mein Geld schwieriger verdienen als Sie Nazischwein“), die der Kreisamtsleiter der NSDAP gegen ihn zur Anzeige gebracht hatte, wurde jedoch von einer Straf­verfolgung nach dem sog. „Heimtückegesetz“ (HTG) abgesehen (siehe Foto der Gestapoakte).

Das sog. „Heimtückegesetz“ vom 20.12.1934 sanktionierte u.a. gehässige Werturteile gegenüber der NS-Führungsriege mit teils drakonischen Strafen. Zuständig für das Strafverfahren waren die seit 1933 eingerichteten Sondergerichte, die für schnelle Prozesse mit standrechtlichem Charakter berüchtigt waren.

Dass Alfred Alexander angesichts des vorgeworfenen Beleidigungs­tatbestands kein Verstoß gegen das HTG angelastet wurde, war jedoch nicht einer strafrechtlich milden Beurteilungspraxis zu verdanken, sondern hatte ganz pragmatische Gründe:

Konfrontiert mit einer Fülle von oftmals opportunistisch motivierten Denunziationen ging die Gestapo als ermittelnde Behörde dazu über, nur die Anzeigen vor Gericht zu bringen, bei denen sie dem Täter eine „Gesinnungs­gefährlichkeit“ unterstellte. Dazu bewertete sie den angezeigten Sachverhalt nach Kriterien des sogenannten „Tätertyps“: Täter, die nach Einschätzung der Ermittler etwa aufgrund leichter Erregbarkeit im Sinne einer verbalen Entgleisung handelten, konnten mit einfacher Verwarnung oder Verfahrens­einstellung rechnen. Glaubte man dagegen, Indizien für eine regimefeindliche Gesinnung des Beschuldigten festzustellen, wurde die Äußerung als systemgefährdende Hetze geahndet. [1]

Alfred Alexander konnte sich trotz der Verfahrenseinstellung nicht vor Straf­verfolgung sicher fühlen. Parteiinstanzen oder die SS hätten das Verfahren zu einem späteren Zeitpunkt an sich ziehen und den Einstellungs­beschluß durch Verhängung von Schutzhaft oder KZ-Einweisung revidieren können. [2]

Der weitere Verlauf der staatlichen Verfolgungsmaßnahmen gegen Alfred Alexander lässt sich aus den Karteieintragungen nicht ersehen. Fest steht jedoch, dass er vom 15. November 1938 bis zum 2. Februar 1939 im KZ Dachau inhaftiert war (siehe Häftlingskartei KZ-Gedenkstätte Dachau). 1939 war die Gestapo laut Karteieintragung über die Ausreisepläne der Familie Alexander informiert.

Am 3.4.1940 schließlich beantragte Alfred Alexander für seine Familie die Ausreise nach Palästina. Doch dazu kam es nicht. Am 30. April 1942 wurden Alfred und Selma Alexander mit ihren beiden kleinen Kindern zusammen mit den Schwiegereltern Jonas in das Ghetto Krasnicyzn/Izbica deportiert.

Über das weitere Schicksal von Alfred Alexander und seiner Familie ist nichts bekannt.

 

 


Quellen:

Gedenkbuch des Bundesarchivs für die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Deutschland (1933-1945),
http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/directory.html

Yad Vashem, Jerusalem

Janet Isenberg, Glen Rock, New Jersey / USA

Gestapo-Karteikarte: LHA Koblenz

 

[1], [2] Christian Müller: "Justitia Obscura - Die Transformation der Justiz in der NS-Zeit", 2. Okt. 2013 (mit weiteren Nachweisen)

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Gestapokartei von Alfred Alexander<br><br>Quelle: LHA Koblenz
Gestapokartei von Alfred Alexander
<br><br>Bekanntgabe des Heimtückegesetzes von 20.12.1934 im Reichsgesetzblatt<br><br>§1 und §2 regeln die Rechtsfolgen von angeblich regime- und parteischädigenden Äußerungen. Das Gesetz wird aus heutiger Sicht für die Ausbreitung des Denunziantentums unter dem Nazi-Regime verantwortlich gemacht.
Bekanntgabe des Heimtückegesetzes vom 20.12.1934
 
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