Johannes Wagener (Herrnhuter Brüdergemeine Neuwied)

Bericht über die NS-Zeit und seine Gestapohaft (Abschrift1)

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Johannes Wagener

Meine erste Begegnung mit der NSDAP fand im Jahre 31/32 statt. Ich hatte Einladungen der Christl. Volklpartei (Chirstl. Volksdienst)nach dem Gottesdienst außerhalb der Kirche verteilt. Sofort ging eine Beschwerde der Partei bei unserer Verwaltung ein, die sich gezwungen sah, mit eine Rüge zu erteilen. Seit der Zeit stand mein Name auf dem schwarzen Brett, zumal ich schon vorher verschiedentlich in ihren Versammlungen als Oppositionssprecher aufgetreten war.

Im Sommer 1933 wies ich einen Werber für den „Stürmer“ die Tür mit der Begründung, dass ein anständiger Mensch solchen Schmutz nicht lese. Prompt erfolgte Tagsdarauf in einer Versammmlung der NSDAP durch Kreisleiter Derneine Erwiderung mit dem Versuch mich lächerlich zu machen, die von allen Zeitungen aufgenommen wurde. Als ich dann die Geschäfte und Lokale, in denen der „Stürmer“ auslag, oder in den Plakaten hingen: „Juden werden nicht bedient“, nicht mehr betrat und jede Geschäftsverbindung löste und den Grund dazu offen darlegte, setzte eine geheime Bespitzelung ein, zumal sich mein Verhalten offen herumsprach. Es war soweit gekommen, dass man ganz offen jedem, der zu mir ins Büro wollte, sagte: „in dem Büro dürfen Sie aber nicht 'Heil Hitler' sagen“. Ich war und bin stolz darauf, dass ich nicht ein einziges Mal den bewussten Gruß gebraucht habe, weder mündlich noch in Briefen, auch an Behörden.

Noch mehr spitzte sich mein Verhältnis zur NSDAP zu, als einem in brauner Uniform bei mir vorsprechenden Ratsherrn, der mich - auf die Gefahren des Bolschewismus hinweisend - bekehren wollte, offen sagte, dass ich die NSDAP mehr fürchte, als den Bolschewismus, da letzterer offen sagte, wer er sei und was er wolle, was man von der NSDAP nicht sagen könne, da sie vorgebe, auf „christlichem Boden“ zu stehen und nicht weniger „anti-christlich“ sei als der Bolschewismus. Es verstand sich von selbst, dass ich die Hakenkreuzfahne nicht hisste an den 23 mir unterstehenden Häusern (die Mieter haben es  nachher selbst getan), vor allem an den sog. „Festtagen“ der Partei; Und wenn jemand sie an meinem Haus hisste, zog ich sie wieder ein. Ganz entschieden weigerte ich mich, diesselbe an unserer Kirche auszuhängen, mit der Begründung, dass ich eine christliche Kirche nicht mit einem Satanszeichen besudeln wolle. Inzwischen hatte ich mich auch damit befasst, die sonntäglichen Predikten, religiösen Schriften, Traktate (auch politischen Inhalts), deren Druck verboten war, meist des Nachts in vielen Hunderten von Exemplaren zu vervielfältigen und zu versenden. Als ich von einem Postbeamten darauf aufmerksam gemacht wurde, dass meine Post sehr scharf überwacht wurde, gab ich meine Sachen in Nachbarorten zur Post.

Schon vor der sogen. „Juden-Aktion“ war ich als „Judenfreund“ verschrien; aber als ich nach der Aktion mich der verfolgten Juden annahm, besonders als sie dann in einem uns gehörenden Saal eingesperrt waren, wurde mir klar, dass ich nicht mehr lange ungschoren bleiben würde. Entscheidener Anstoß zu meiner Vernehmung durch die Kripo und meiner späteren Verhaftung gab der folgende Anlass: (siehe Anlagen 1 u. 25, wozu ich bemerken möchte, dass Frau Weigel die Bestätigung nur widerwillig und auf Druck des W. Sapel hin unterschrieben hat.) Genannte Frau Weigel kam eines Tages zu mir mit einer Sammlung für das Kriegshilfswerk und wies mir eine Liste vor. Da ich mit meinem kleinen Beitrag nicht als Erster auf der Liste stehen wollte, frug ich ob sie keine Büchse habe. Sie fasste dies leider als Misstrauen auf und hielt mir einen Vortrag darüber, dass der Krieg so viel Geld koste. Da sagte ich dann etwa so: „wenn man kein Geld hat, soll man keinen Krieg führen“. Kurze Zeit darauf, etwa im Mai 1940 erfolgte meine Vernehmung durch den Wachtmeister Grunewald im Auftrag der Gestapo, wo mir in dreistündiger Sitzung alle meine Verbrechen vorgehalten wurden; (siehe hierzu Anlage 2, Brief Sapel). Grundwald sagte mir zum Schluss, nachdem er mir versichert hatte, dass er Hitler göttlich verehre dass er dem Vernehmungsprotokoll hinzugefügt habe, er vermute, ich sei wegen meiner religiösen Einstellung angezeigt worden.

Am 16. Juni 1940 wurde ich dann gegen 10 Uhr verhaftet und in das Neuwieder Gefängnis eingeliefert. Am späten Nachmittag kamen dann Beamte der Gestapo Koblenz und nahmen mich im Auto mit nach Koblenz. Nach Feststellung der Personalien wurde ich abends noch in das Staatsgefängnis Koblenz (Karmeliterkloster)6 eingeliefert. Am anderen Morgen wurde ich zur Vernehmung zur Gestapo (Vogelsang7) gebracht, wo dann eine dreistündige Vernehmung durch einen reichlich jungen Mann erfolgte. Nach gründlicher Erforschung meines Lebenslaufes von Geburt an, wurden mir danach meine verschiedene „Verbrechen“ vorgehalten; dass ich niemals „Heil Hitler“ gesagt habe, dass ich behauptet hätte, bei mir stünde unser Herrgott über Hitler, dass ich mich der Juden angenommen, dass ich nie geflaggt hötte u.s.w. was ich natürlich offen und frei bestätigte. Auf die Frage, wie ich zur Nat.soz. Weltanschauung stände, konnte ich nur antworten, wie ich als Christ dazu stehe, dass für mich jeder Mensch mein Nächster sei, der Jude ebenso wie Hitler. Die Frage, ob ich „Mein Kampf“ gelesen habe, musste ich zu meinem Entsetzen verneinen. Schließlich sagte er mir, dass ich infolge meiner Stellung vielen Menschen durch meine „Irrlehren“ geschadet habe und durch meine „Meckereien“ viel Unheil angerichtet habe. Dazu die Aeusserung: „wenn man kein Geld habe, sollte man keinen Krieg führen“, worüber ich bereits oben berichtete, wodurch in Sabotage gegen den Krieg begangen habe u.s.w. Er wisse nicht, was mit mir geschehen werde, ob K.Z. oder Ausweisung u. Aehnliches. Zunächst werde ich unter schweren Bedingungen im Gefängnis bleiben - vorerst als „Schutzhaft“ gegen die „Volksjustiz“; ich dürfe nicht lesen, nicht rauchen, nicht schreiben, keine Besuche empfangen u.s.w.

Nach 2 Monaten wurde mir als einzige „Vergünstigung" erlaubt, das „Nationalblatt" zu lesen. Etwa 3 Wochen8 nach meiner Inhaftierung wurde ich wieder zur Gestapo gebracht, wo ich von allen Seiten fotografiert wurde mit einem Schild vor der Brust „Kriegsverbrecher No.?“ Die Nummer habe ich leider vergessen; ich glaube 246; auch wurden von sämtlichen Fingern eine Menge Abdrücke genommen. Diese Foto'swurden dann allen zuständigen Stellen zugesandt; meiner Frau wurde eine soche durch die Neuwieder Polizei gezeigt; sie kannte mich kaum wieder, so elend sah ich aus. am 16. Sept. 1940 morgens um 10 Uhr wurde ich wieder einmal zur Gestapo gebracht, so man mir erklärte, dass ich nach Haus gehen könne, nachdem ich schriftlich gegeben, dass ich keinerlei Schadensersatzansprüche stelle; letzteres habe ich mir jedoch vorbehalten. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, muss ich sagen, dass die Behandlung im Staatsgefängnis human war; die Kost - natürlich Gefängnis-Kost - war ausreichend; die Beamten - einige SA-Leute ausgenommen - ich möcht fast sagen freundlich, als ob sie Mitleid hätten.

 


1 Unter Beibehaltung der Rechtschreibung
2 Kurzzeitiger Name der deutschen Zentrumspartei. -Der Christlich-(soziale) Volksdienst (ursprünglich protestantisch-konservativ) löste sich 1933 nach einer Spaltung in einen pro NS- und einen anti-NS-Flügel auf. - Die Gemeinde Neuwied war eine der wenigen Gemeinden der Herrnhuter BG, die den Nationalsozialismus konsequent ablehnten
3 http://www.stolpersteine-neuwied.de/images/PDF_Files/Dern.pdf
4 November-Pogrome 1938
5 Die Anlagen sind uns z.Zt. nicht bekannt.
6 Mit der Säkularisation in französicher Zeit mussten die Karmeliter das Kloster am 17.August 1802 verlassen. Schon nach der Auflösung des Karmeliterklosters dienten die Gebäude in der Folgezeit als Gefängnis. Mit dem Ende der französischen Herrschaft 1814 ging die Verwaltung in preußische Hände über, die den Standort als Königliches Gefängnis weiter betrieben. Im Zuge der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 wurde das Gefängnis u. a. Sammelstelle  für die von der Geheimen Staatspolizei festgenommenen oder verhafteten Koblenzer die hier in Schutzhaft genommmen wurden. (Wikipedia)
Auf der Karthause Koblenz
8 Die Zeitangaben Wochen/Monate sind im zeitlichen Ablauf nicht ganz eindeutig.

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